Studium abgebrochen, bin ich jetzt ein Versager?

Wer studiert, der macht auch einen Abschluss und bekommt dann einen guten Job. Man weiß direkt nach dem Abitur was man studieren möchte und fängt sofort an. Natürlich schafft man das alles in Regelstudienzeit. Denn Platz für eine Lücke im Lebenslauf hat keiner.

Was so einfach klingt ist in der Praxis gar nicht so einfach. Es fängt ja schon mit der Frage an, was man studieren sollte. Denn irgendwie haben wir das Bild vor Augen, dass diese Entscheidung weltbewegend ist. Nach dem Abitur hatte ich drei Berufswünsche, die mich fast zur Verzweiflung brachten: Kinderarzt, Musiktherapeut und Gymnasial Lehrer mit den Fächern Biologie und Musik. Leider flogen Musiktherapeut und das Musiklehramt raus, da mir ein Instrument fehlte. An dem Biologielehramt und der Medizin scheiterte ich am NC. Ich hatte mich zwar weitgehend beworben, am Ende blieb mir nur noch das Mathestudium in Düsseldorf als Option. In meiner Verzweiflung hatte ich mich überall für das Losverfahren beworben und zu mir selbst gesagt ‚Das was ich jetzt bekomme, mache ich einfach.‘ Ein Tag später rief mich die Krankenpflegeschule an und sagte mir, dass ein Platz in der Ausbildung zur Kinderkrankenpflegerin frei wurde, 3 Wochen später fing das Abenteuer an.

Doch in der Pflege wurde ich nicht glücklich. Irgendwie wollte ich auf die andere Seite. Ich wollte mehr lernen, ich wollte aktiver an der Therapie und Diagnose beteiligt sein. Von Tag zu Tag wurde ich unglücklicher. Ich kam nach Hause und habe geweint. Während ich meinen Freunden nur von den schönen Seiten der Ausbildung erzählte, denn irgendwie liebte ich die Arbeit an sich schon. Sie war mir aber nicht genug.

Dann erfuhr ich von Belgien. Denn dort kann man ohne NC studieren, für Medizin muss man jedoch einen Eingangstest bestehen. So beschloss ich zu kündigen und Hals über Kopf nach Brüssel zu ziehen. Nach einem harten Sprachkurs begann dann erstmal das Biomedizin Studium, so machten es alle, die den Eingangstest in Belgien nicht bestanden hatten. Das Studium war hart. Mein Niederländisch war nicht flüssig genug um zu zu hören und gleichzeitig mitzuschreiben. Laborberichte wurden schlechter bewertet, weil die Sprache nicht akademisch genug war. Und Freunde finden war auch so eine Challenge für sich. Ich liebte das Studium, ich fand jedes Thema interessant. Wie sich später herrausstellte – zu interessant. Denn im Studium geht es nicht darum alles zu wissen, sondern nur darum genau das zu wissen was in den Klausuren verlangt wird. So können Menschen, die eigentlich sehr viel Wissen erlangt haben ihre Klausuren verhauen, weil man nicht exakt für die Klausuren gelernt hat.

Ich scheiterte an der Sprache und an meinem eigenem Interesse für die Fächer. Ich wollte mehr wissen als nur das was auf den Folien stand. Und dann wurde die Zeit vor den Klausuren knapp. Ich scheiterte 2 Jahre hintereinander. Mittlerweile ist jede Klausur für mich ein Kampf. Ich habe Panikattacken und könnte schon anfangen zu weinen, wenn ich nur an Klausuren denke. Meine Prüfungsangst ist durch das ständige Versagen so groß geworden, dass ich sie nicht mehr bändigen kann.

Obwohl ich gut war und in meiner Laborgruppe oft die war, die den anderen die Theorie erklärt hat, bin ich an mir selber in den Klausuren gescheitert.

Ich stand jetzt an einem Punkt der völligen Verzweiflung und habe mir überlegt ‚Lohnt sich der Kampf noch?‘..

Es war nicht das Studium, das ich wollte. Ich wollte nie in einem Labor stehen und der Wechsel zu Medizin hat nicht geklappt. Und so sehr ich von den Fächern begeistert war, umso mehr vermisste ich es in Deutschland zu sein. Denn es ist schwer in einer anderen Sprache zu leben. Und das können vielleicht nur die wenigsten verstehen. Es ist nämlich verdammt schwer in einer anderen Sprache witzig zu sein oder tiefgründige Gespräche zu führen. In Englisch fällt mir das sogar noch ziemlich einfach, weil ich schon seit 10 Jahren diese Sprache lerne. Aber in einer neuen Sprache reicht der Wortschatz einfach nicht. Was es schwierig macht richtige Freundschaften aufzubauen.

Am Ende entschied ich mich für meine Jugend!

Immerhin bin ich nur einmal 21 Jahre alt und genau diese Jahre sind zu schade um nicht feiern zu gehen und so viel zu erleben wie es nur geht. Ich wollte wieder nach Deutschland, auch wenn es hieß dass ich zurück zu meinen Eltern ziehen muss und dort jetzt erstmal eine Ausbildung zur Ergotherapeutin machen muss. Jetzt geht es in Babysteps zum Medizinstudium. Denn ich muss noch 4 Jahre Wartesemester sammeln. In der Zeit möchte ich lernen, wie ich am besten lernen kann, aber in einer etwas stressfreieren Umgebung. Ich möchte meine Prüfungsangst besiegen und jetzt alles erleben, was ich bis jetzt aufgeschoben habe.

Und auch wenn ich jetzt ein Studienabbrecher bin, ich bin glücklich für die Zeit in Belgien. Ich habe eine neue Sprache gelernt und bin mir jetzt 100% sicher, welchen Beruf ich in Zukunft haben möchte. Jedoch weiß ich jetzt auch, dass man nicht alles für den Traumberuf opfern sollte und auch ein bisschen Leben muss.

Und für diejenigen, die Angst vor der Lücke im Lebenslauf haben – sowas gibt es nicht! Aus jedem Fehler lernt man dazu und zu wissen was man nicht möchte ist auch sehr wichtig. In meinem Bewerbungsgespräch für die Ausbildung wurde meine Lücke sogar gelobt, weil ich mir verschiedenste Ecken angeguckt habe und jetzt genau weiß was ich möchte. Und das ist jetzt meine größte Motivation.

Mein Weg ist ein riesiger Hindernisparcours, aber ich bin mir sicher, dass ich heute nur halb so fröhlich, offen und geduldig wäre, wenn das alles nicht passiert wäre. Deshalb bin ich dankbar für alles was passiert ist und bin genauso dankbar für das was ich jetzt noch erleben werde.

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6 Gedanken zu “Studium abgebrochen, bin ich jetzt ein Versager?

  1. Ganz toller Beitrag, Liebes.
    Kann alldem nur zustimmen! Manchmal kann das Ende von „Etwas“, der Beginn von „etwas Besserem“ sein. Das aller Wichtigste ist aber, dass man glücklich ist :-).
    Ganz viel Erfolg bei deiner Ausbildung :-*.

    Deine Tici ❤

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  2. Einen Beruf lernt man in der Regel, um ihn für den Rest des Lebens auszuüben. Und dann sollte man Spaß Kunden Erfüllung daran haben. Nur dann, kann man einen guten Job machen.
    Ich finde, dass deine Entscheidung Respekt verdient. LG JJacky

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  3. Schlimm, schlimm… die Jugend von heute kann sich nicht entscheiden… Nein, kleiner Scherz, ich fand es schon so mutig von dir überhaupt ein Studium außerhalb von Deutschland zu beginnen und trotzdem, obwohl du es nicht zu Ende gemacht hast, hat es dir ja etwas gebracht. Und jetzt machst du ja erst mal deine Ausbildung und dann kommt der nächste Schritt. Vielleicht gefällt dir ja dann tatsächlich, das was du gerade machst, wer weiß das schon. Und falls nicht, du bist jung, nicht auf den Kopf gefallen und wirst schon das finden, womit du glücklich wirst, das ist die Hauptsache. Drücke dir jedenfalls die Daumen. Liebe Grüße, britti

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